Kaiserschmarrn (2 Portionen)
Сдам Сам

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Kaiserschmarrn (2 Portionen)





4 Eier 120 g Mehl 30 g Rosinen

30 g Zucker Prise Salz Staubzucker zum Bestreuen

ca. ¼ 1 Milch 50 g Butter zum Backen

Mehl, Zucker, Salz und Eigelb mit Milch zu einem glatten, dickflüssigen Teig vermischen. Eiweiß zu Schnee schlagen und vorsichtig in den Teig einrühren. Teig in eine Pfanne mit heißer Butter gießen, anbacken, mit Rosinen bestreuen, wenden in dem Rohr oder auf mäßigem Feuer fertig backen. In kleine Stücke zerreißen. mit Staubzucker bestreuen und auf einer Platte anrichten. Kompott als Beigabe.

 

Sachertorte

130 g Butter 220 g Staubzucker 6 Eigelb

100 g Schokolade 6Eiklar Vanillezucker

130 g Mehl Marillenmarmelade

Die weiche Butter wird mit der halben Zuckermenge. der erwärmten Schokolade und dem Eigelb schaumig gerührt. Den Schnee mit dem restlichen Zucker steif schlagen. Beide Massen zusammenmischen und dann vorsichtig das Mehl mit Vanillezucker einrühren. Eventuell ½ Paket (1 ½ Teelöffel) Backpulver dazu mischen. 1 Stunde bei schwacher Hitze backen. Vollständig auskühlen lassen, mit Marillenmarmelade fallen und bestreichen und sehr dick mit Schokoladenglasur überziehen

Glasur:

200 g Zucker 150 g Schokolade 1 /81 Wasser

Zucker und Wasser 5 bis 6 Minuten scharf kochen lassen. Auskühlen lassen. bis die Lösung lauwarm ist. Schokolade erwärmen, bis sie schmilzt, und mit der warmen Zuckerlösung nach und nach verrühren, bis eine dickflüssige Glasur entsteht.

Erklärung

der Staubzucker (österr-.) Puderzucker

ESSEN UND TRINKEN:

Die chronische Zeitnot des 21. Jahrhunderts hat der Nahrungsaufnahme in den meisten westlichen Gesellschaften einen niedrigen Stellenwert erteilt. Außer dass man satt wird. kommt nämlich beim Essen nichts heraus. Man arbeitet dabei nicht, ist unproduktiv. Essenszeit ist verschwendete Zeit.

Österreich ist glücklicherweise anders. Hier ist Essen (und Trinken) immer noch eine niemals zu vernachlässigende Angelegenheit. Einige Banausen tun es auch auf der Straße und zur Empörung vieler sogar in öffentlichen Verkehrsmitteln, aber die Mehrheit weiß, was sich gehört, und nimmt sich Zeit. Viel Zeit.

Wie wichtig in Österreich das Essen ist, zeigt sich bereits an einem Würstelstand, dem österreichischen Äquivalent zur deutschen Imbissbude. Während man in Deutschland zwischen zwei bis maximal drei verschiedenen Würstchensorten wählen kann, steht dem Österreicher ein Vielfaches der begehrten Dinger zur Auswahl. Soll es eine Bratwurst sein, eine Frankfurter, eine Burenwurst, eine Debreziner oder vielleicht gar eine Käsekrainer. Hat man sich schweren Herzens für eine entschieden, geht's erst richtig los: Semmel oder ein Stück Brot? Süßer oder scharfer Senf? Vielleicht noch etwas Kren gefällig? Nicht viel anders ist die Vielfalt bei Brotsorten oder bei Mehlspeisen - wobei man bei Torten zwischen Hotels (Sacher, Imperial) und Aristokraten (Malakoff, Esterhazy) wählen kann. Auch beim Einkaufsbummel kommt man ohne einen kleinen Snack nicht aus. Von Oktober bis März werden in den Fußgängerzonen der Innenstädte heiße Maroni und Bratkartoffeln verkauft, ab April bis September genießt man kühles Speiseeis. Aber nicht irgendeines. Besonders in Wien hat jedermann seinen persönlichen Lieblingseissalon, und über die Frage, ob das Eis am Schwedenplatz, am Hohen Markt oder doch beim Tichy in Favoriten am besten schmeckt. kann lange und bisweilen erbittert gestritten werden. Essen und Trinken sind eben die schönsten Hauptsachen der Welt.



Amerikanische Fast-food-Ketten konnten sich in Wien nur sehr schwer durchsetzen. Lange Zeit war die McDonald's-Filiale am Schwarzenbergplatz die einzige in Wien. Konkurrent Burger King verließ nach einigen Jahren frustriert Österreich, und nur wenige Ableger des internationalen Fast food konnten Fuß fassen.

Dabei hat Österreich eigene »Schnellesser-Spezialitäten« - neben den erwähnten Würsteln auch das Aufstrichbrot. Das Prinzip des Schnittchens, nämlich eine Scheibe Brot mit Butter und Auflage, wird dabei leicht abgewandelt: Butter und Auflage werden miteinander vermischt, feinstens püriert und auf das Brot gestrichen. Das Ganze wird kunstvoll garniert, und fertig ist das Schmankerl Das einzige Problem ist, dass man natürlich nicht genau weiß. woraus der Aufstrich nun besteht Theoretisch kann da ja alles Mögliche drin sein, so lange die Farbe und das Aussehen stimmen. Man muss eben Vertrauen haben. Lange Zeit war in Österreich ausschließlich die Quantität wichtig. Die Qualität von Nationalgerichten wird noch heute über die Quantität beschrieben - ein »richtiges« Wiener Schnitzel muss, wie jeder Koch weiß, »abortdeckelgroß« sein. Weiterhin lassen viele landestypische Gerichte schon am Namen erkennen, dass sie den Gaumen. nicht aber den Verdauungsapparat erfreuen werden: Bauernschmaus, Bratenfettbrot, Nierndl mit Hirn, Stelze (Schweinshaxen), Schweinsbraten mit Kraut und Knödl Die Gerichte in den Bundesländern stehen dem an nichts nach, zeichnen sich aber durch höhere Käseanteile aus: Kasnocken (Salzburg, Tirol), Kasnudeln (Kärnten), Kässpätzle (Vorarlberg), Schlutzkrapfen (Tirol), Speckknödel (Tirol).

Fleischeslust:

Die Österreicher sind zweitgrößter Fleischkonsument innerhalb der Europäischen Union mit zirka 90 Kilogramm pro Kopf; es führen die Dänen mit 92 Kilogramm Das liebste Fleisch kommt vom Rind - so wie die Nationalgerichte Wiener Schnitzel (vom Kalb) oder Tafelspitz (gekochte Beiriedschnitte). Auch die BSE-Krise konnte den fleischliebenden Österreichern wenig anhaben. Im Gegensatz zur Schweiz und zu Deutschland. die Rückgänge von 30 bis 40 Prozent zu verkraften hatten, wurde 1996 in österreichischen Haushalten lediglich 7 Prozent weniger Rindfleisch konsumiert.

Unterentwickelt ist in Österreich die Käsekultur, perfektioniert hingegen das, was man auf Basis von Zucker, Milchprodukten und Weißmehl so alles machen kann. Der Guglhupf, der nicht »sitzenbleibt«, ist so etwas wie die Reifeprüfung für jede lernende Hausfrau Es gibt Spezereien. die es nur zu bestimmten-Saisonen gibt (Weihnachtsbäckereien wie Eisenbahner. Windgebäck, Hausfreunde, Vanillekipferl, Bischofsbrot oder Kokosbusserl; Faschingskrapfen; Osterzrjpfe), und solche, die bestimmten Regionen zugeschrieben werden. aber trotzdem überall gemacht werden (Linzer Torte. Salzburger Nockerl). Alles in allem kann man in Österreich nicht nur gut, sondern auch teuer essen: es gibt in Österreich genauso viele Restaurants mit vier Hauben wie in Deutschland. Dies entspricht ganz der österreichischen Einstellung zurdeutschen Küche, die von Arroganz gegenüber dem nördlichen Nachbarn geprägt ist. Die Küche aus dem Nachbarland wird mit dem Wort »Sauerbraten mit Rosinen« umschrieben oder damit. dass die unbegabten deutschen Köche alles in einer »Tunke« ertranken.

Bier her oder ich fall um:

Des Österreichers liebstes Getränk ist das Bier. Mit einem jährlichen Konsum von knappen 116 Litern pro Kopf ist es noch beliebter als Mineral- und Tafelwasser (70,3 Li(er) und Fruchtsaft (31.4 Liter). Im europäischen Vergleich stehen die Österreicher auch recht gut da. Nur die Deutschen (137 Liter pro Kopf) und die Tschechen (124,4 Liter) »trinken« noch mehr.

Sieben von 10 Bierflaschen kommen dabei von der »Österreichischen Brau«-Gruppe, die die Marken Gösser, Puntigamer, Reininghaus, Kaiser, Zipfer und Schwechater unter sich vereint. Ottakringer ist die zweite österreichweit bedeutende Marke, während sich zuletzt immer mehr lokale Biere (z. B. Hirter aus Kärnten, Fohrenbräu und Mohren aus Vorarlberg, Stiegl aus Salzburg) sowie Gasthausbrauereien steigender Beliebtheit erfreuen.

In Ostösterreich halt man sich jedoch eher an das Motto des römischen Kaisers Julian (331-363 n. Chr.) »Wein duftet nach Nektar, Bier aber stinkt nach Bock« und spricht lieber dem Reben- als dem Gerstensaft zu Der Weinskandal von 1985, durch den mit Frostschutzmitteln gepanschte Weine den gesamten österreichischen Weinbau in Verruf brachten, führte zu einer Qualitäts- offensive. Inzwischen ist das internationale Image des österreichischen Weins wieder soweit gefestigt, dass besonders österreichische Süßweine (selbstverständlich ohne Glykolzusatz) einen sehr guten Ruf im Ausland haben. »Österreichs Weine-eine Offenbarung«. schrieb der amerikanische »Wine Enthusiast« überschwänglich. Auch in Deutschland, dem wichtigsten Exportmarkt vor und nach dem Skandal, hat sich die Einstellung zum heimischen Wein wieder normalisiert. Der österreichische Weinbau ist durch eine bäuerliche. kleinbetriebliche Struktur gekennzeichnet. Mit einer Rebfläche von 58000 Hektar steht Österreich europaweit an der 12. Stelle Auf besagten 58000 Hektar stehen 40000 Betriebe, die meistens von Nebenerwerbswinzern geführt werden. 58 Prozent der Weinernte wird in Niederösterreich eingebracht. 35 Prozent im Burgenland und 6 Prozent in der Steiermark.

Am liebsten trinkt man in Österreich den Grünen Veltliner, der auf 37 Prozent der Weinbauflächen wächst. Der würzige Wein mit dem leichten Pfeffergeschmack krönt fast jedes gutes Essen. Der Schilcher, ein aus der Blauen Wildbachertraube gewonnener. leicht säuerlicher Wein. wird nur in der Steiermark angebaut und dort auch hauptsächlich getrunken. Selbst international bekannte Sorten wie der Cabernet Sauvignon wachsen in Österreich recht gut.

Ein Glaserl Wein trinkt man in Ostösterreich gerne in einem »Heurigen«. Das ist nach langer Tradition und Gesetz ein Lokal, wo ausschließlich ein »Heuriger« ausgeschenkt werden darf (ein junger Wein aus eigenem Anbau, der vom Martinitag des Erntejahres [11. November] bis zum darauffolgenden Martinitag als »Heuriger« über die »Budel« geht). Heute dient der Heurige als Treffpunkt für Freunde, wo man sich gemütlich besaufen kann. Die Heurigengemütlichkeit hat es auch den Touristen angetan. und ein Besuch bei einem »typischen Heurigen« steht auf der Tagesordnung vieler Österreichbesucher. Dies hat zu einer Zweiteilung bei den Heurigen geführt - solche, die fast ausschließlich Touristen bewirten, und solche, wo ausschließlich Einheimische dem Rebensaft zusprechen. Lokale der letzten Kategorie sind besonders schwierig zu finden: Ein richtiger Wiener verrät selbst seinen engsten Freunden nur nach großem Zureden seinen Lieblingsheurigen. In traditionellen Heurigen vor allem am Land kann man sogar noch sein eigenes Essen mitbringen.

Mit dem Trinken wird übrigens früh angefangen. »Wenn ich als Zehnjähriger nicht täglich eine Flasche Bier getrunken hätte, hatten sich alle gefragt. ob ich krank bin. Das war völlig normal«, beschreibt der Karikaturist Manfred Deix seine Jugend in einer niederösterreichischen Landgastwirtschaft In öffentlichen Verkehrsmitteln kann man sich selbst überzeugen, dass auch am frühen Morgen dem Alkohol zugesprochen wird.

In der kalten Jahreszeit nimmt die Lust auf Alkohol zu. Dann ist sie so groß, dass ein Normalsterblicher beim vorweihnachtlichen Einkaufsbummel schon vom Atmen betrunken werden kann. Die zahlreichen Weihnachtsmarkte in österreichischen Städten haben nämlich mindestens einen Stand, an dem hochprozentiger Weihnachtspunsch und Glühwein verkauft wird. Beim Betrinken dient man dabei gleichzeitig einem guten Zweck: Die Punschstände werden meist von karitativen Organisationen geführt.

KULTUR:

Dass Österreich als Kulturland gilt, ist den Habsburgern zu verdanken. Diese förderten Kultur nämlich, da sie ein willkommenes Mittel zur Verherrlichung der Kaiserlichen Würde war. Bis ins frühe 20. Jahrhundert war die österreichische Kultur sehr wienlästig. In der Zwischenzeit sind durch die Salzburger Festspiele oder den „steirischen herbst“ auch außerhalb Wiens wichtige Kulturereignisse geschaffen worden.

Das reiche Kulturleben bringt viele zahlungskräftige Besucher ins Land, die sich einen Aufenthalt in Österreich, der nicht den Besuch von mindestens einer kulturellen Veranstaltung einschließt, nicht vorstellen können Aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung hatte die Kultur auch über Jahre hinweg einen hohen politischen Stellenwert - bis Anfang 1997 leistete sich Österreich in der Person Rudolf Scholtens sogar einen eigenen Kunstminister. Doch mit dem Kanzlerwechsel Klima auf Vranitzky war es mit diesem Luxus vorbei - der Kunstminister wurde wieder Banker, und der neue Kanzler kümmerte sich persönlich um die Kultur. Kunst wurde jetzt »Chefsache«.

In Österreich gibt es vier Großkultursymbole - Burgtheater, Staatsoper, Wiener Philharmoniker und Salzburger Festspiele. Den Leitern dieser Symbole fällt die bedeutsame Aufgabe zu, die Fahne österreichischer Kultur im In- und Ausland hochzuhalten, und sie sind nicht zuletzt deshalb meist stark umstritten.

Das Burgtheater:

Vielleicht ist unser Theater ja tatsächlich die einzig staatlich zugelassene mimische Nervenheilanstalt (Thomas Bernhard)

Das österreichische Nationaltheater in Wien wurde von Kaiserin Maria Theresia 1741 als „Königliches Theater nächst der Burg“ begründet. „Spectacles müssen halt sein“, soll sie bei der Unterzeichnung des entsprechenden Aktes gesagt haben. Am 23. März 1776 proklamiert es Kaiser Joseph II. in einem Dekret zum „Hof-und Nationaltheater“, das als „Teutsches Nationaltheater“ höchste Qualität liefern muss – als „Burgtheater“ oder selbst unter dem Kürzel „Burg“ ist es jedermann

geläufig.

Die Salzburger Festspiele:

Die Salzburger Festspiele wurden 1920 vom Dichter Hugo von Hofmannstahl, dem Regisseur Max Reinhardt und dem Komponisten Richard Strauss gegründet, die im sommerlichen Salzburg einen kulturellen Höhepunkt außerhalb Wiens schärfen wollten. Das mehrwöchige Kulturfestival umfasst eine Fülle von Schauspiel- und musikalischen Aufführungen sowie Musiktheater, Ballett und vieles andere. Einer der Höhepunkte ist die Freilichtaufführung des „Jedermann“ von Hugo von Hofmannstahl auf dem Salzburger Domplatz. Die Rolle des „Jedermann“ oder die der „Buhlschaft“ zu erhalten gehört zu den großen Ambitionen der meisten Schauspieler. Auf der musikalischen Seite erfreuen sich die Konzerte der Wiener Philharmoniker besonders großer Beliebtheit.

Der langjährige künstlerische Leiter der Salzburger Festspiele, Herbert von Karajan, drückte den Festspiele seinen Stempel auf und umgab sie mit einer Aura höchster musikalischer Klasse.

Die Wiener Philharmoniker

Die Wiener Philharmoniker wurden 1842 gegründet und haben sich bis heute als exklusiver Verein für Instrumentalmusiker bewährt. Sie sind ein kulturelles Symbol dieses Landes und für 72 Prozent der Österreicher sehr wichtig für das nationale Selbstbewusstsein. Die Philharmoniker, gleichzeitig Staatsopernorchester, werden für ihren einmaligen Klang geschätzt. Zudem haben sie, wie ein schlauer Kaffeehauskellner, ihren Mythos so vollendet inszeniert, dass jeder berühmte Dirigent sich brennend wünscht, mit ihnen spielen zu können und nicht umgekehrt.

Die Philharmoniker sind nicht nur gut, sondern auch teuer. Aber Geld spielt keine Rolle. Berichte des Rechnungshofes, der die Kosten des Orchesters bei den Salzburger Festspielen anprangerte, wurden als gegenstandslos zurückgewiesen. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Abonnements für die sonntäglichen Konzerte der Philharmoniker im Wiener Musikverein werden nur im engsten Verwandten- und Bekanntenkreis weitergegeben. Ein Philharmonikerabonnement zu bekommen zählt für viele Kulturbegeisterte zu einer der erstrebenswertesten Dinge der Welt. Nur eine Sache machte den Philharmonikern sehr lange Schwierigkeiten: die Frauen, die Frauen!

Die jahrzehntelange Weigerung des Orchesters, Frauen aufzunehmen, löste im Ausland Unverständnis, Kopfschütteln und schließlich Boykottdrohungen aus. Die Wiener Bevölkerung hingegen schien die Frauenabsenz wenig zu stören. Bei einer telefonischen Fernsehumfrage sprach sich eine deutliche Mehrheit von 52 Prozent dagegen aus, dass die Philharmoniker Frauen aufnehmen Wenn sie nicht wollen. war die Ansicht einiger Interviewten, dann soll man sie nicht zwingen. Da die Philharmoniker ein Privatverein sind, konnte man es ihnen auch nicht vorschreiben. Die Gleichbehandlung bei den Philharmonikern durchzusetzen. indem man sogar mit Subventionsstreichungen drohte. ging nicht auf. Hinter der Weigerung Frauen aufzunehmen, steckte aber mehr als der eigensinnige Wunsch, unter sich zu bleiben. Würde der Verein nämlich Frauen aufnehmen. müsste er wegen möglicherweise auftretender Karenzen das Orchester vergrößern. Je größer das Orchester. desto geringer die Einnahmen für den einzelnen Musiker.

Nach einigen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf die gesamte Causa als ein typischer Fall von »Austromasochismus« bezeichnet wurde und die Philharmoniker bei einer ihrer vielen Vollversammlungen sogar mit ihrer eigenen Auflösung drohten, kam die Wende. Im Februar 1997 nahmen die Philharmoniker die Harfenistin Anna Leikes in ihren Reihen auf. Ambitionierte Instrumentalspielerinnen sollten sich trotzdem keine allzu großen Hoffnungen auf eine philharmonische Karriere machen. Bei den Wiener Symphonikern. die bereits 1979die Tore für Frauen öffneten, gab es 18 Jahre später genau drei Musikerinnen.

Die Staatsoper:

jedes Theater ist ein Narrenhaus, aber die Oper ist die Abteilung für Unheilbare.

(Franz Schalk. ehemaliger Staatsoperndirektor)

Am 27. Mai 1869 schrieb die »Neue Freie Presse« über das Kärntnertortheater, den Vorgängerbau der heutigen Staatsoper, der sich an der Stelle des heutigen Hotel Sacher befand: »Lange Jahre musste sich die Wiener Hofoper mit einem Hause begnügen. das so ziemlich alle Mängel besaß, die man einem Theater wünschen kann. Enge Treppen, schmale Sitze, Parterre-Logen, die an Gefängniszellen erinnerten. eine Bühne ohne Tiefe, Garderoben. in welchen nur der Anstand des Publikums homerische Kämpfe vermeiden konnte, endlich gar kein Foyer, nicht einen einzigen Raum, in dem man sich während der Zwischenakte zu erholen, wo man Luft zu schöpfen vermochte. «Es scheint dort also nicht sehr gemütlich gewesen zu sein. Deshalb ließ Kaiser Franz Joseph im Zuge der Generalsanierung seiner Residenzstadt (Schleifen der mittelalterlichen Stadtmauer, Errichtung der Ringstraße) eine neue Hofoper planen. Den Auftrag erhielten die beiden Architekten Eduard van der Null und August von Siccardsburg. Die Wiener waren mit dem Aussehen ihres neuen Opernhauses aber überhaupt nicht zufrieden - am Innenstadtbau wurden vor allen Dingen die städtebauliche Einbindung und die Höhenproportionen heftig kritisiert. Das Wort vom »Königgratz der Baukunst« machte die Runde. Die Erbauer konnten mit dieser Kritik nicht umgehen - der zu Depressionen neigende van der Null wählte den Freitod. und Siccardsburg starb einige Wochen später an Herzversagen. Der Tod zieht sich weiter durch die Chronologie der Staatsoper. Der Musiker Gustav Mahler, der auch langjähriger Staatsoperndirektor war, bevor er durch heftige Intrigen ebendort verjagt wurde, soll sich verzweifelt gefragt haben: »Muss man denn hier immer erst tot sein, damit sie einen leben lassen?

 

LITERATUR

Spätestens der Österreich-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1995 hat gezeigt, dass Österreich literarisch ein höchst eigenständiges Land ist. Aber noch immer lässt sich eine laue Germanistenrunde mit der Frage anheizen, was denn nun das Österreichische an der österreichischen Literatur ist. Ist es der Geburtsort des Autors? Der Ort, an dem er schreibt? Das Land, wo er gelesen wir? Ist das slowenische Gedicht eines Kärntners ein österreichisches Gedicht? Fragen über Fragen, die nichts daran ändern, dass österreichische Autoren am liebsten in Deutschland verlegt werden, weil sie dort noch eher vom Schreiben leben können. Was die Unterscheidung deutsche Literatur – österreichische Literatur auch nicht leichter macht. Dazu ein Beispiel: 1988 erschien ein 20bändiges Mammutwerk zur Weltliteratur, „Kindlers Neues Literatur Lexikon“ rund 17.000 Seiten um nur 27.000 Schilling. Man findet darin Beiträge über die Literatur Polynesiens und Altpersiens, einen Aufsatz über die Literatur Österreichs findet man nicht.

Die ist in der „deutschen“ Literatur aufgegangen. Das werden die Österreicher den Deutschen noch lange vorhalten, vor allem, weil es genug eindeutig österreichische Autoren gibt. Jeden davon adäquat zu würdigen, würde die Grenzen dieses Buchs sprengen. Es seien nur ein paar Exemplare erwähnt: Beamtenpoet Franz Grillparzer, der seine Bühnenwerke hauptsächlich während der Arbeitszeit verfasste. Oder Johann Nestroy, der in satirischen Possen mit polemischer Schärfe kleinkarierte soziale und politische Strukturen attackiert. Oder Peter Altenberg, der Chronist des Wiener Boheme Lebens, von dem kurze Prosatexte und Skizzen überliefert sind. Oder der Hochsatiriker Karl Kraus, der im Alleingang die Zeitschrift „Die Fackel“ schrieb oder Robert Musil, der die Begriffe „Kakanien“ und „Parallelaktion“ als Chiffren für die gelähmte k.u. k Monarchie erfand und dessen „Der Mann ohne Eigenschaften“ trotz mehr als 1000 Seiten Umfang ein Fragment geblieben ist. Nach 1945 erlangte die Sprachkunst des Peter Handke besondere Aufmerksamkeit. Seine unorthodoxe Sichtweise des Krieges im ehemaligen Jugoslawien rief fast ebenso viele Kontroversen hervor wie das Spätwerk Thomas Bernhards, in dem das österreichische Granteln zum Stilprinzip erhoben ist. Peter Turrini verwechselt immer öfter die Feder mit dem Zeigefinger, was Elfriede Jelinek in ihren Texten noch nie passiert ist. Der einzige Schriftsteller, der so richtig von seinen Romanen leben kann, ist wahrscheinlich Johannes Mario Simmel, Besteller-Autor aus Wien.

Ob sich der Durchschnittsösterreicher die Werke (oder wenigstens ein Werk) der großen österreichischen Dichter zu Gemüte führt, bleibt dahingestellt. Man weiß zwar aus Umfragen, dass Lesen im Fernseh-und Internet-Zeitalter zunehmend an Bedeutung verliert. Doch wer gibt schon freiwillig zu wenig oder gar nicht zu lesen? Der mutige Erwin Pröll, Niederösterreichs Landeshauptmann, machte den Anfang – er habe nur ein Buch in seinem Leben gelesen, nämlich „Der Schatz im Silbersee“ von Karl May. Noch mutiger war Tennisspieler Thomas Muster, der sich bei einem passenden outete – der Präsentation seiner Autobiographie: „Ich habe mir in meinem Leben drei Bücher gekauft…“ sagte er. Warum er dann erwartet, dass es andere tun, lässt sich nur ahnen, zeigt aber recht schon den grenzenlosen Optimismus der Österreicher.

Austropop

Der sogenannte Austropop, das heißt deutschsprachige Musik, die von Österreichern gemacht wird, erlebte in den 80er Jahren seine Hochblüte, obwohl in den Jahren davor bereits Wolfgang Ambros und Georg Danzer große Erfolge feiern konnten. Die Hits des Wieners Hans Hölz, besser bekannt als Falko wurden in englischen Versionen gerne in den USA gehört. Auch der Wiener Rainhard Fendrich, die steirische Erste Allgemeine Verunsicherung oder die Formation Opus wurden in Deutschland zu Stars. Sogar deutsch-österreichische Freundschaft war im Austropop mehr als eine leere Floskel. Eine Gruppe namens DÖF (= Deutsch-österreichisches Feingefühl) hatte mit»Codo- Liebe im Sauseschritt« einen Riesenhit. Viel Erfolg hatte auch die Band des Oberösterreichers Hubert von Goisern, die mit Rockelementen versetzte Volksmusik spielt. Ende der 80er Jahre gingen den meisten Musikern die Ideen aus und heute halt nur noch Rainhard Fendrich die Fahne des Austropop hoch, Sein patriotisches „1 am from Austria“ ist das österreichische Pendant zur heimlichen USA-Hymne »Born in the USA «.

Ein besonderes Phänomen in der Austropopperszene ist Willi Resetarits, auch als „Ostbahn Kurti“ oder Dr. Kurt Ostbahn bekannt. Viele seiner großen Hits sind ins Wienerische übersetzte Rockklassier. Abgesehen von Fendrich wird deutschsprachiger Austropop heute als eher „uncool“ empfunden, die moderne österreichische Musikszene ist im populären Bereich international so unpopulär wie schon lange nicht.

 

ÖSTERREICHISCHE LITERATUR NACH 45:

Kurze Chronik

1945 Ernst Fischer: Die Entstehung des österreichischen Volkscharakters Rekonstruktionsversuch des Österreichischen jenseits des Habsburg-Mythos

1946 Erstausgabe von Otto Basils Literaturzeitschrift „Plan“ erscheint im Rot von Karl Kraus' ,,Fackel".

1947 Alexander Lernet-Holenia: Der zwanzigste Juli.Chronist des untergehenden Österreichs

1948 Ilse Aichinger: Die größere HoffnungSprachliche Neuorientierung und einsetzende Trauerarbeit aus der Perspektive eines Kindes

1949 Christine Lavant: Die unvollendete Liebe Visionshafte Gedichte in der Tradition Rilkes

1950 Manes Sperber: Der verbrannte DombuschBeginn der Trilogie über kommunistische Untergrundbewegung in Osteuropa zwischen 1930-1945

1951 Heimito von Doderer: Die Strudlhofstiege Labyrinthisches Panorama der österreichischen Gesellschaft der Zwischenkriegszeit,

1952 Milo Dor: Tote auf Urlaub Ein von der Gestapo Gefolterter, der Wien zu seiner Heimat machte.

1953 Leo Perutz: Nachts unter der steinernen BrückeSein letzter großer Roman ist eine Huldigung an seine Heimatstadt Prag.

1954 Arnolt Bronnen: arnoltbronnen gibt zu protokollSeine Autobiografie war umstritten. Erst Jahre später wird eine Renaissance seines Werks erfolgen.

1956 Franz Nabl: Die Ortliebschen FrauenNabl wurde der Große Österreichische Staatspreis verliehen.

1957 Manifestation der „ Wiener Gruppe"Initialzündung des literarischen Aktionismus

1958 H.C.Artmann: medana schwoazzn dintnPionierwerk der österreichischen (Anti-) Dialektdichtung basierend au historischen Stoffen wie dem Blaubart-Mythos.

1959 Gerhard Rühm, H.C. Artmann, Friedrich Achleitner: hosn rosn baa
Lautgedichte im Wiener Dialekt. Wiener Idiom als aggressives Spielmaterial von Sprachexperimenten

1960 Johannes Mario Simmel: Es muss nicht immer Kaviar seinBestseller um einen Bankier in den Fängen der Geheimdienste

1960 Hans Lebert: Die WolfshautEindringliche Erzählungüber die unbewältigte Vergangenheit in der österreichischen Provinz

1961 Carl Merz/Helmut Qualtinger: Der Herr KarlUraufführung des Portraits des österreichischen NS-Paradeopportunisten

1962 Albert Paris Gütersloh: Sonne und MondBarocker Roman des geistigen Vaters der Wiener Schule des Phantastischen Realismus.

1963 Marten Haushofer: Die WandEine Frau alleine in den Bergen hinter Glas

Thomas Bemhard: FrostParadewerk der österreichischen Antiheimatliteratur

1964 Erich Fried: Warngedichte Einer, der nach Auschwitz noch Gedichte schrieb

1965 Friederike Mayrocker; mataphorisch Der erste Gedichtband der großen österreichischen Lyrikerin erscheint.

1966 Ernst Jandl: Laut und Luise:Eine Gedichtzeile wird berühmt: Lechts und rinks kann man nicht velwechsern

Peter Handke: Publikumsbeschimpfung Desillusionierung des traditions- versessenen österreichischen Theaterpublikums

1967 Gerhard Fritsch: Fasching Ein früher Versuch, als autonomer Dichter gegen ,,Autoritätssüchtige" anzugehen.

1968 Wolfgang Bauer: Magic AfternoonSex, Drugs and Rock'n Roll im österreichischen Drama

Albert Drach: Untersuchung an MadelnDie Mühlen der österreichischen Justiz zermalmen zwei Autostopperinnen. Roman des spät entdeckten Meisters des Protokollstils.

1969 Gert Jonke: Geometrischer Heimatroman Heimatroman voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung

Oswald Wiener: Die Verbesserung von Mitteleuropa Anarchistische Rebellion gegen die traditionelle Romanform

1970 Gerhard Amanshauser: Der Deserteur Erzählungen des Deserteurs des österreichischen Literaturbetriebs

1971 Ingeborg Bachmann: Malin: Das berühmte Todesarten-Projekt über die vielen möglichen privaten und politischen Tode im österreichischen Nachkriegssumpf

197 Helmut Eisendle: Walder oder die stilisierte Entwicklung einer Neuro Behavioristische Lernmodelle erproben die Roman-form

Peter Turrini: Rozznjogd Skandal um das Zwei-Personen-Stück über einen Autofick auf der Mülldeponie

1973 Grazer Autorenversammlung entsteht Friedrich Achleitner: quadratroman176 quadrate errechnen einen text

1974 Franz Innerhofer: Schöne TageAuftakt zu Innerhofers Trilogie der intellektuellen Emanzipation eines misshandelten Bergbauernsohnes

1975 Gernot Wolfgruber: Auf freiem FußEin fünfzehnjähriger Hilfsarbeiter will sich nicht anpassen

1976 Barbara Frischmuth: Die Mystiftkationender Sophie SilberBeginn der berühmten „Stemwieser-Trilogie"

1977 Peter Rosei: Wer war Edgar Allan: Ein Mediziner erprobt den Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft

1978 Marianne Fritz Die Schwerkraft der VerhältnisseNebenwerk eines 5000-Seiten-Mammutprojektes

1979 Norbert С Kaser: Eingeklemmt Postume Gedichtauswahl des großen Südriroler Lyrikers

1980 Andreas Okopenko: Gesammelte Lyrik Noch ein unterschätzter Lyriker zwischen den Stühlen von Avantgarde und Traditionalismus

1981 Literaturnobelpreis für den Halb-Österreicher Elias Canetti,der nach 1945 nicht mehr zurückkehrte

1982 Julian Scbutting: Liebesgedichte Phänomenologie der Sprache der Liebe

1983 Elfriede Jetineki Die KlavierspielerinBeklemmende Geschichte einer gescheiterten Virtuosin im Land der Musik.

1984 Gerhard Roth: Landläufiger Tod Der stumme Sohn eines Bienenzüchters beschreibt das geistige Trümmerfeld der Realität.

1985 Josef Haslinger: Der Tod des Kleinhäuslers Ignaz Hajek. Ursachenforschung eines Selbstmordes im Waldviertel.

1986 Peter Henisch: Pepi Prohaska Prophet.Roman des Mitbegründers der Literaturzeitschrift Wespennest

1987 Felix Mitterer: Keinschoner LandEinsetzende Enttabuisierung des Nationalsozialismus in Tirol

1988 Thomas Bernhard: Heldenplatz Aufregung 50 Jahre nach dem Anschluss: Österreichs unverarbeitete Nazivergangenheit im ästhetischen Kreuzfeuer

Christoph Ransmayr: Die Schrecken des Eises und der Finsternis.Chronik einer aberwitzigen Expedition zum Nordpol, die 1876 zur Entdeckung der Franz- Josefs-Inseln, Österreichs einziger Kolonie, führte

1989 Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren ZeitenMemoiren der Psychologin des Exils

1990 Werner Schwab: Die PräsidentinnenDas obszöne Werk erobert Österreichs Bühnen

1991 Robert Menasse: Selige Zeiten, brüchige Welt Ein aus Wien stammender, jüdischer Philosophiestudent kehrt in seine Wahlheimat Brasilien zurück

1992 Karl Markus Gauß: Tinte ist bitter.Die Vernichtung Mitteleuropas. Essaysund Portraits. Wurzeln und Perspektiven eines neuenEuropas.

1993 Josef Winkler: Friedhofder bitteren OrangenRoman über die katholische Kirche, die in Italien das Fürchten lehrt

1994 Antonio Fian: Dramolette: Was bisher geschahDer Großmeister der kleinen Dramenminiatur

1995 Michael Kohlmeier: TelemachWiedereroberung des Erzählens nach dem Ende des Erzählens

1996 Marlene Streeruwitz: VerführungenAntipatriarchales Satzstakkato nach ihrem Credo: „Der vollständige Satz ist eine Lüge"

1997 Kathrin Röggla: AbrauschenErneuerin der sprachkritischen Tradition der Avantgarde

1998 Robert Schneider: Die LuftgängerinÖsterreichs Aushängeschild am literarischen Wettbewerbshimmel

1999 Doron Rabinovici: Suche nach M.Im Jahr der Regierungsbeteiligung der Naziverharmloser ein Roman über das Weiterleben nach dem Holocaust

2000 Erich Hackl: Die Hochzeit von Ausschwitz Roman über eine Liebe in den Fabriken des Todes

2001 Rosemarie Poiarkov: Eine CD langÖsterreich bekommt seine einzige und letzte Pop-Autorin

2002 Franzobel: Austrian Psycho oder der Rabiat HödlmoserTrashroman des Bachmannpreisträgers in Memoriam des Briefbombenattentäters Franz Fuchs

2003 Raoul Schrott: Tristan da CunhaOpulenter Roman, der eifrig gekauft, aber auchheftig kritisiert wurde.

Im Ton unverwechselbar

Gibt es eine eigenständige österreichische Literatur? Hat sie sich nach 1945 an die deutsche Literatur angehängt wie der Schilling an die D-Mark? Oder gingen die österreichischen Autoren selbstbewusst ihre eigenen Wege? Die buchmedia-Redaktion hat sich bei österreichischen Autorinnen und Autoren umgehört. Von Nilsjensen, Johannes Gelich und Tobias Hierl

 

„Die deutsche Sprache ist kein Merkmal der österreichischen Literatur." Dieser Satz des Lyrikers Gerald Bisinger ist mehrdeutig zu verstehen. Doch was ist eigentlich das Spezifische an der österreichischen Literatur? Der Schriftsteller und langjährige Sprecher der Bachmann-Jury Robert Schindel erklärt sich die Eigenständigkeit der österreichischen Literatur weniger aus der Sprache heraus als vielmehr durch ihre spezifische Geschichte bedingt. Die Habsburgermonarchie einerseits und die deutschen Kleinstaaten auf der anderen Seite, das hatte einen ganz verschiedenen Habitus in der Bevölkerung hervorgerufen. „Das ist schwierig nachzuweisen, aber wenn man die Kontinuitäten beider Literaturen anschaut, merkt man schon das Sinnliche, das Wortspielerische, auch den Bezug auf die Heimat, positiv oder negativ, das eher ein Kennzeichen der österreichischen Literatur ist. Es ist ein unverkennbarer Ton, den man als österreichisch bezeichnen kann. Es gibt keinen Schnitzler in Deutschland“.

Wie stark die Differenzierung auch ist und wie man sie festlegt, die Entwicklung der literarischen Landschaft in Österreich nach 1945 verlief auf alle Fälle unabhängig von Deutschland oder der Schweiz. Grob vereinfacht schlingerte die österreichische Literaturgeschichte zwischen den Polen der Sprachkritik im Umkreis der Wiener Gruppe einerseits und der realistischen Erzähler der 70er Jahre andererseits. Daraus ergibt sich heute ein breites Spektrum an Autoren, die sich in eine sprach- und generell kunstkritische Tradition einordnen, und jenen, die vor allem eines wollen: Erzählen.

Michael Kohlmeier bezieht dabei eindeutig Position: „Wenn man nicht mehr erzählen kann, dann ist meines Erachtens die Literatur am Ende. Als ich begonnen habe zu schreiben, da hieß es, der Roman ist zu Ende und das Erzählen ist zu Ende und Geschichtenschreiben ist zu Ende. Alles war sehr diktiert und unter der Angstknute der Avantgarde. Da habe ich gedacht, wenn das so ist, dann müsste ich gar nicht erst anfangen zu erzählen. Aus diesem Grund hat mich das meiste der damals zeitgenössischen österreichischen Literatur überhaupt nicht interessiert."

Auch für Thomas Glavinic ist es klar: „Ich möchte Geschichten erzählen, nicht die Welt, die Literatur oder die Sprache verbessern. Ich möchte, wie Helmut Gollner es für mich formuliert hat, die, Wirklichkeit verwirklichen'. Das ist ein Ansatz, der sich von der literarischen Vatergeneration in unseren Breiten schon ziemlich unterscheidet. Aber ich sehe mich da in guter Gesellschaft; ich würde sagen, Daniel Kehlmann, Radek Knapp oder Manfred Rumpl wollen in etwa auch dasselbe wie ich."

Susanne Ayoubsieht sich zwar als traditionelle Erzählerin, möchte sich aber auch eine sprachkritische und experimentierfreudige Haltung bewahren: „Ich wollte nie etwas anderes als Geschichten erzählen, doch die andere Seite hat mir immer sehr gefallen." KathrinRöggla ortet ihre Wurzeln hingegen bei den Sprachkünstlern der damaligen Avantgarde. „Ende der 80er, Anfang der 90er war ich noch voll in dem Avantgarde-Furor: H.C. Artmann, Ernst Jandl ist schon noch präsenter und vor allem Konrad Bayer, der für mich wichtigste Autor der Wiener Gruppe. Aber das ist schon so weit zurück, und das ist ein bisschen merkwürdig. Trotzdem sind das eben sozusagen meine ästhetischen Wurzeln, die Auseinandersetzung damit, da komme ich eben her." Heute würde sie aber die Art ihres Schreibens anders einschätzen: „In meinem Schreiben hat sich etwas verschoben: weg von einer Sprachkri­tik, mehr hin zu einer Gesellschaftskritik, die aber auch Sprachkritik ist, weil das mein Ansatzpunkt ist: Der Diskurs, die Rhetorik." Kathrin Rög­gla hat für sich das Thema Sprachkritik auf ihre Weise gelöst und in ihre Literatur eingebunden: „Mich interessiert ein kritischer Blick, der Sprachkritik und politische Kritik vereint. Eine ästhetische Struktur ist für mich gebunden an den Gegenstand und das Material; es gibt nicht die Sprachkritik, die abgehoben ist; das sozusa­gen rein Formale interessiert mich nicht. Ist ja auch eine Fiktion."

Die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der sozialkritische und politische Diskurs verlief in Österreich anders als beispielsweise in Deutschland. „Wenn man Deutschland und Österreich vergleicht, dann lief in Österreich das Politische über das Ästhetische, da gab es Auseinandersetzungen um den Wiener Aktionismus oder die Besetzung der Arena, das Poli­tische lief über das Ästhetische, während in Deutschland das Politische selbst der Ort der Austragung war," resümiert Röggla. Aber die Avantgarde stieß nicht auf ungeteilte Zustimmung. So meint Michael Kohlmeier: „Ich glaube nicht, dass einem durchschnittlich literarisch Gebildeten auch nur drei Namen der österreichischen Avantgarde einfallen würden. Dieses Auftreten der Avantgarde, wie ich es eigentlich nur von autoritären Lehrern gekannt habe, das fand ich doppelt lächerlich."

Neben dem Sprachexperiment dominierte dann ab den 70er Jahren die so genannte realistische Litera­tur. Dazu zählten unter anderem Gernot Wolfgruber, Franz Innerhofer oder Michael Scharang. Robert Schindel oder Doron Rabinovicisind in den letzten Jah­ren eher den Weg der Erinnerungsliteratur gegangen. Dazu meint Robert Schindel: „Dieses Literaturwunder der 70er Jahre war die erste junge Literatur, die eine Anti-Heimat-Literatur war. Bis dato gab es ja nur eine positiv konnotierte Heimatliteratur. Und bis in die 60er Jahre hinein haben ja noch die ständestaatlichen Großen dominiert, wenn man von Weigel und Torberg absieht, deren Literaturverständnis auch eher dieser Literatur zuzuschreiben ist. Daher hat diese 70er- Literatur erstaunliches Echo gefunden, auch in Deutschland. Ich habe auf dem aufbauen können, spielte ja bis Mitte der 80er Jahre keine Rolle im Literaturbetrieb. War zwar nicht genau mein Thema, da ich nicht am Land aufgewachsen bin, aber meine Wurzeln habe ich auch beschrieben. Das sind urbane Wurzeln."

Diese Tendenz zum geschichts- und sozialkritischen Ajnti-Heimat-Roman dominiert in Zeiten der Globalisierung nicht mehr. Jetzt werden Geschichten aus der Geschichte geschrieben, etwa ,,Gebürtig" von Robert Schindel oder ,,Die Vertreibung aus der Hölle" von Robert Menasse, eine Art Geschichts-Roman über eine Lebenssituation in Österreich hier und heute mit historischen Bezügen in einem internationalisierten Kontext. Doron Rabinovici nimmt in seinem Schreiben einen eigenen Standpunkt dazu ein, da er sich das, Deutsche' erst erarbeiten musste:

,,Es ist eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die in der Gegenwart widergespiegelt wird. Es sind sehr urbane, von den 70er Jahren abgesetzte Texte. Ich habe wenig Bezug zu den Anti-Heimat-Romanen. Wenn ich schreibe, setze ich mich auseinander mit dem, was mich umgibt, und das sind Dinge, die auch woanders in Europa stattfinden konnten. Aber sie passieren halt hier. Ich bin Doppelstaatsbürger, konnte mich sozusagen in verschiedene Sparten einreihen, außerdem bin ich ein Kind von Emigranten. Bin natürlich kein, Gastarbeiterkind, aber trotzdem auch Zweite Generation. Insofern ist Wien die Stadt, in der ich wohne. Aber was passiert, kann eben auch woanders passieren." Durch die geringe Größe Österreichs sind Autorinnen und Autoren fast gezwungen, bei deutschen Verlagen ihre Bücher unterzubringen. Für Thomas Glavinic ist das eine Herausforderung: ,,Der literarische Betrieb in Österreich ist sehr verfilzt. Auto­ren fördern sich gegenseitig, Kleinverleger drucken die Bücher ihrer Freunde und sitzen dann in den Jurys, welche eben diesen Autoren Jahresgehälter zusprechen. Ich halte das österreichische Kleinverlagswesen für nicht unproblematisch: Würde man weniger Verlage fördern, dafür aber mit mehr Geld, konnten diese eine ganz andere Macht haben, Bücher durchzusetzen. So aber schmort das System sozusagen ständig im eigenen Saft. Das Beste, was einem österreichischen Autor passie­ren kann, ist ein deutscher Verlag, der ihn zwingt, sich einer größeren Konkurrenz auszusetzen, und ihn aus diesem System wohlfeiler gegenseitiger Selbstbestätigung herausholt. Auch hier ist das Risiko natürlich großer. Aber in der Kunst ist nichts gefährlicher als Sicherheit." Die Aus­einandersetzung mit der Konkurrenz hat aber zuerst das Lektorat in einem Verlag zu durchlaufen und da kann das Österreichische mitunter ein wenig unter die Räder kommen, wie Susanne Ayoub sich erinnert: ,,Der österreichische Humor ist innerhalb der deutschen Sprache etwas ganz Eigenständiges, das fast nicht exportierbar ist. Die österreichische Sprache hat etwas Unverwechselbares und wird auch sofort eingeengt, wenn sie sich auf dem deutschen Markt bewegen muss. Was in Deutschland nicht verstanden wird, darf auch nicht drinstehen. Eine österreichische Tönung wird aber gerne gesehen. Bei einzelnen Wörtern gibt es aber immer einen Kampf, etwa um ,,Stiege" oder ,,Treppe", ,,Müll" oder ,,Mist". Ich habe nicht wütend über meine Wörter gewacht, doch schon angemerkt, dass ich nicht verstehe, warum man eine österreichische Autorin in einem deutschen Verlag publiziert, wenn man ihr dann das Österreichische wegnehmen will, noch dazu bei einer Geschichte, die in Wien spielt." Wenn schon so viel die Rede ist vom Schreiben, drangt sich zuletzt natürlich die Frage auf: Lesen österreichische Autoren österreichische Autoren? Zuerst kommt dann mal eine Relativierung: ,,Ich nehme die österreichische Literatur mehr wahr, doch sie interessiert mich nicht mehr als eine andere Literatur," meint Susanne Ayoub. Und auf die Nachfrage: nFasziniert bin ich von der Ingeborg Bachmann, aber Vorbilder habe ich eigentlich nicht. Unter den zeitgenossischen Autoren habe ich am meisten den Christoph Ransmayr geschätzt mit seiner wLetzten Welt" und den Schrecken des Eises und der Finsternis". Mit Peter Handke bin ich aufgewachsen, habe ihn dann aber wieder verlassen. Turrini war mir ein Vorbild, auch die Mikrodramen von Wolfgang Bauer habe ich gemocht." Michael Kohlmeier geht ein wenig weiter in die Vergangenheit zurück, wo es noch eine breite Zahl an Erzählern gegeben hat: nAm meisten von allen Österreichern habe ich von Joseph Roth gelesen. Ich finde die Erzählhaltung des Joseph Roth viel geeigneter, um daraus zu lernen, unsere Welt zu beschreiben als die Erzählhaltung von Robert Musil, obwohl man das gar nicht laut sagen darf. Der Robert Musil gilt so als der große Fels, der die moderne Welt gese­hen hat, aber ich glaube, dass seine Mittel heute scheitern würden, während die Mittel des Joseph Roth nicht scheitern. Joseph Roth ist eine Quelle der eigenen Kreativität, nicht der nachahmerischen, nachäffenden Kreativität." Auch für Glavinic scheint die Großvater-Generation wichtiger zu sein als die Gegenwart: ,,Die Generation der österreichischen Schriftsteller vor mir hat mich nur wenig interessiert. Es ist in der Litera­tur wohl grundsätzlich so, dass man sich mehr mit der Großvatergeneration als mit jener der Vater identifiziert. Bei den Großvätern fasziniert mich am meisten Joseph Roth. Was die Vater betrifft: Mit Handke oder Bernhard kann ich kaum etwas anfangen. Ich kann ihren Zugang zur Lite­ratur zwar nachvollziehen, aber ich selbst habe andere Vorstellungen." Man versucht eigene Wege zu gehen - und eigene Wege sind die österreichischen Autoren schon immer gegangen, so wie Kathrin Röggla: ,,Ich habe mich in den letzten Jahren kaum von österreichischen Gegenwartsautoren beeinflussen lassen. Sie waren für mein Schreiben einfach nicht so wichtig. Schon eher der österreichische Film."









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